Projekt Aphrodite
Wie das Schicksal so spielt: Nicht bekannt war dagegen dem USSTAF, dass ein anderer Aphrodite-Bomber, wenn auch beschädigt, in deutsche Hände gefallen war. Am Neujahrstag waren die letzten beiden noch verfügbaren Castor-B-17 gegen ein Kraftwerk in Oldenburg eingesetzt worden. das erste der anfliegenden "Babies" erhielt einen Flak-Treffer und stürzte in ein Feld am Rande der Stadt, ohne dabei zu explodieren, was den Begleitschutzflugzeugen jedoch entgangen war.
Experten der Luftwaffe waren dadurch in der Lage, den Castor-Bomber ziemlich genau zu untersuchen und einen großen Teil der Funk- und Fernlenkausrüstung zu bergen. Das zweite "Baby", vermutlich ebenfalls von der Flak getroffen, stürzte einige Meilen südwestlich Oldenburgs ab und explodierte. Dies sollten die letzten Einsätze der Castor-Flugzeuge gewesen sein, hauptsächlich deshalb, weil sie plötzlich zu einem Politikum geworden waren.
Im November hatten die USSTAF vorgeschlagen, den Startplatz für die Aphrodite-Einsätze auf das europäische Festland zu verlegen, von wo aus die B-17 gegen industrielle Ziele hätten eingesetzt werden können. Als dieser Vorschlag dem britischen Oberkommando unterbreitet wurde, drückte dieses seine Besorgnis darüber aus, dass der Einsatz dieser Waffe gegen dichtbesiedelte Gebiete Vergeltungsschläge gegen London herausfordern könnte, das zu jener Zeit unter den V-2-Angriffen zu leiden hatte. Widerstrebend stimmten die Briten dem Plan trotz großer Besorgnis einiger Stellen am 15. Januar zu.
Diese Besorgnis hielt weiter an und führte schließlich dazu, dass die Zustimmung elf Tage später widerrufen wurde. Die britischen Befürchtungen waren teilweise auch auf ein Umdenken über den Wert des Bombardierens dichtbesiedelter Gebiete zum Brechen der Moral der Bevölkerung zurückzuführen.
Die USSTAF, noch immer bestrebt, mit ihren Versuchen fortzufahren, wurden in Washington vorstellig und brachten Präsident Franklin D. Roosevelt dazu, in einem Fernschreiben am 29. März 1945 die Forderung nach britischer Zustimmung zu dem Plan, Castor-Flugzeuge gegen das Ruhrgebiet einzusetzen, zu wiederholen. Das Antwortfernschreiben Churchills enthielt zwar die volle Zustimmung, war jedoch in dem Churchills eigenen Stil so abgefasst. dass die darin geäußerten Bedenken Roosevelt abschrecken würden.
Der Tod des Präsidenten und der Zusammenbruch Deutschlands beendeten jedoch die Weiterverfolgung des Plans. Es wurden keine Castor-Flugzeuge mehr für den Start in Knettishall vorbereitet und die Beteiligten erwarteten die Einstellung des Projekts. Die Aphrodite-Führungsflugzeuge und -Besatzungen gerieten mehrere Wochen lang in Vergessenheit. Erst am 27. April wurde das Projekt, bei dem die größte Einzelmengen herkömmlichen Sprengstoffs gegen feindliche Ziele im 2. Weltkrieg eingesetzt worden war, endgültig eingestellt.