Projekt Aphrodite

Bei Testflügen im Cockpit ein Himmelfahrtskommando

Nach ihrer Umrüstung wurden die Maschinen nach Bovington überführt, wo am 1. Juli 1944 unter strengster Geheimhaltung die Umschulung begann. Die Besatzungen erhielten 25 Flugstunden Ausbildung sowie eine intensive Schulung in ziel- und Streckennavigation. Die AZON-Lenkung schien zufrieden stellend zu arbeiten, wobei die Flugstabilität des ferngelenkten Bombers das einzige größere Problem zu bilden schien. Bei allen Versuchungsflügen, auch bei solchen mit Funkfernsteuerung, befand sich aus Sicherheitsgründen stets ein Pilot im Cockpit des als "Baby" bezeichnete ferngelenkten Bombers.

Der Bau der großen V-Waffenstellungen in Pas de Calais gab Anlass zu wachsender Besorgnis und die Forderungen nach schnellstmöglichem Beginn der Einsätze wurden immer lauter. Die RAF stimmte der Benutzung der extra langen Piste in Woodbridge als Startplatz zu. Daraufhin verlegte der Kommandeur der Aphrodite-Einheit, Lt.Col. James Turner, mit 10 B-17 "Babies", einem B-17- und drei Consolidated B-24 Liberator-Führungsflugzeugen für die Fernlenkung und Beobachtung sowie acht von einer Fighter Group als Begleitschutz abgestellten P-47 Thunderbolt am 7. Juli nach Woodbridge.

Neun der ferngelenkten Bomber erhielten eine Ladung aus 20.000 lbs (9.072 kg) TNT, der zehnte die gleiche Menge an Benzingel (Napalm). Die beladenen Maschinen wurden zwischen den Kiefern verteilt abgestellt, was beim Personal des Platzes Unbehagen verursachte, da dieser weiterhin als Notlandeplatz für aus Einsätze beschädigt zurückkehrende Maschinen diente. Viele dieser "Invaliden" gerieten bei der Landung außer Kontrolle und die Vorstellung eine davon könnte eines der beladene Aphrodite-Flugzeuge rammen, war beängstigend.

Wegen der begrenzten Funkfrequenzen konnten immer nur zwei "Babies" gleichzeitig gestartet werden. Geplant waren zwei Einsatzgruppen, jeweils bestehend aus zwei Führungsflugzeugen und einen ferngelenkten Bomber. Die "Babies" sollten konventionell starten und eine vorgesehene Strecke fliegen, während der die Fernsteuerung überprüft werden konnte und die Besatzung Gelegenheit zum abspringen mit dem Fallschirm hatte.

Nachdem die Führungsflugzeuge ihre beiden "Babies" ins Ziel gelenkt hatten, sollten sie an ihren Ausgangsplatz zurückfliegen, dort zwei weitere inzwischen gestartete "Babies" übernehmen und in der gleichen Weise in das angegebene Ziel lenken. Der mit dem Benzingel beladene Bomber sollte in Bereitschaft gehalten werden, um ein getroffenes Ziel vollständig ausschalten zu können.

Flugplatzwechsel aus Geheimhaltungsgründen

Grundvorausetzung für jeden Aphrodite-Einsatz bildete jedoch klares Wetter. Doch in den Tagen nach dem Eintreffen der Aphrodite-Einheit herrschte in den vorgesehenen Zielgebieten zu keiner Zeit günstiges Wetter.

In der Zwischenzeit war entschieden worden die Aphrodite-Einheit aus Gründen der Geheimhaltung auf einen abgelegeneren Platz zu verlegen und zwar nach Fersfield. Fersfield war ein für Bomber der 8. US-Luftflotte gebauter Platz, der jedoch bis dahin noch von keiner Einsatzeinheit genutzt worden war. Die Entscheidung selbst fiel am 12. Juli und bereits drei Tage später begann die Verlegung der Aphrodite-Einheit von Woodbridge nach Fersfield.

Fersfield wurde als Außenstelle der nahe gelegene 388th Bomb Group geführt. Das Bodenpersonal der 560th Bomb Squadron, 388th Bomb Group, verlegte als Wartungseinheit im August von Knettishall nach Fersfield und deren Staffelkapitän, Lt.Col. Roy Forrest, wurde Kommandant des Platzes. Die B-17 der 560th BS in Knettishall beteiligten sich jedoch mit Unterstützung des Bodenpersonals der drei anderen Staffeln der 388th BG weiterhin an regulären Einsätzen.

Unter den nach Fersfield verlegten Einheiten befand sich auch die ebenfalls an der Mitwirkung am Aphrodite-Projekt interessierte Special Air Unit No. 1 (SAU-1) der US Navy mit freiwilligen vom U-Jagdgeschwader aus Dunkeswell in Südwestengland. Die US-Navy hatte bereits ein ähnliches Projekt für den pazifischen Raum in Erwägung gezogen, bei dem funkgesteuerten Drohnen von Trägern aus für Einwegeinsätze hätten benutzt werden sollen und wollte an diesem ersten US-Unternehmen in Sachen Roboterkriegsführung beteiligt sein. Ihre Arbeiten in Fersfield liefen unter dem Decknamen "Anvil" (Anstoß).

Um die Sache weiter zu komplizieren, wurde auch noch eine kurz zuvor aus Wright Field, USA, in Großbritannien eingetroffene Spezialeinheit, die unter der Codebezeichnung "Batty" Versuchungseinsätze mit TV-gelenkten Bomben durchführen wollte, nach Fersfield verlegt.