Schweinfurt - Zeugenberichte

Fortsetzung von Seite 1

Eine B-17 der vorderen Gruppe, deren rechten Tokyo - Treibstoffbehälter brannten, fiel etwa 200 m über unserer rechten Tragfläche zurück und blieb in dieser Position, während sieben Besatzungsmitglieder ab - sprangen. Vier ließen sich aus dem Bombenschacht mit verzögerten Absprung fallen, einer stieg vom Bug aus, öffnete aber seinen Fallschirm zu früh und verfehlte das Leitwerk nur um Haaresbreite. Einer ließ sich aus der linken mittleren MG-Luke fallen und öffnete seinen Fallschirm erst, als er einen sicheren Abstand gewonnen hatte. Der Heckschütze ließ sich aus seiner Luke fallen, zog aber offensichtlich an der Leine, noch bevor er weit genug vom Flugzeug weg war. Sein Fallschirm öffnete sich sofort, kam gerade noch am Leitwerk vorbei und versetzte ihm einen so starken Ruck, dass er beide Schuhe verlor. Er hing bewegungslos im Gurt, während die anderen sich gleich nach dem öffnen ihrer Fallschirme im Gurt bewegten und somit Lebenszeichen von sich gaben. Die B-17 fiel dann in eine flache Spirale - ich konnte die Piloten nicht herauskommen sehen. Ich sah nur noch, wie mehrere tausend Fuß unter uns ihre rechte Tragfläche in einem gelben Flammenmeer versank, bevor ich sie aus den Augen verlor.

Nachdem wir eine gute Stunde lang ständig unter Beschuss gewesen waren, schien es ziemlich sicher, dass unser Geschwader keine überlebenschance hatte. Sieben von uns waren bereits abgeschossen worden und noch immer stiegen weitere Abfangjäger auf. Es war erst 11.20 Uhr und zum Ziel fehlten noch 35 Minuten. Wahrscheinlich glaubte keiner im Geschwader daran, dass wir viel weiter kämen, ohne völlig aufgerieben zu werden. Die Feuerkraft unseres Geschwaders war bereits um ein Drittel reduziert und die Munition ging langsam zur Neige. Unsere Heckgeschütze mussten mit Munition von anderen Gefechtsständen versorgt werden. Den Schützen stand die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben.

Eine B-17 fiel aus der Formation heraus und fuhr das Fahrgestell aus, während die Besatzung absprang. Drei Me 109 umkreisten sie aus der Nähe, hielten aber weiterhin unter Beschuss - offenbar um sicherzustellen, dass niemand die Maschine nach Hause fliegen konnte. Kurz vor dem Ziel, um 11.50 Uhr, eineinhalb Stunden nach dem ersten von mindestens zweihundert Abfangjägerangriffen, ließ der Druck etwas nach, obwohl die Feinde immer noch in der Nähe waren. Wir drehten um 11.54 Uhr mit den 14 übrig gebliebenen B-17 unseres Verbandes, von denen zwei schwer lädiert waren, auf das Ziel zu. Nachdem die beiden beschädigten Maschinen ihre Bomben geworfen hatten, lösten sie sich aus der Formation und nahmen Kurs auf die Schweiz.

Die Witterungsbedingungen über dem Ziel waren, wie auf dem gesamten Flug, ideal. Es gab kaum Flakstellungen. Das Geschwader klinkte die Bomben zeitgleich aus. Als wir abdrehten und Kurs auf die Alpen nahmen, sah ich die rechteckige Rauchfahne, die vom Ziel aufstieg und verspürte eine Art grimmige Befriedigung.

Der Rest des Fluges war im Gegensatz zum Anflug harmlos. Einige wenige Abfangjäger kamen uns auf dem Weg zu den Alpen in die Quere. Aus einem Ort am Brenner stieg eine einsame nutzlose Salve auf. Wir kreisten solange über dem Gardasee, bis uns die beschädigten Maschinen eingeholt hatten und machten uns dann auf dem Weg zum Mittelmeer. Die Aussicht, vor der nordafrikanischen Küste wegen Treibstoffmangel wassern zu müssen, erschien uns nach dem Alptraum über Süddeutschland geradezu als harmlos.

Um 8.15 Uhr - die roten Lampen der Treibstoffanzeige leuchteten bereits - kreisten die sieben übrig gebliebenen B-17 unserer Formation über einem nordafrikanischen Flughafen und landeten. Unsere Besatzung war unversehrt. Der einzige Schaden am Flugzeug: ein paar Luftlöcher am Heck von der Flak und eine 20 mm Geschossen. Wir schliefen unter der Tragfläche auf dem harten Boden, aber die Erde fühlte sich an wie ein Seidenkisten."